Der Ring des Nibelungen (28.3.-2.4.2018, Badisches Staatstheater Karlsruhe)

Der Ring des Nibelungen (28.3.-2.4.2018, Badisches Staatstheater Karlsruhe)

Meinen zweiten kompletten Ring-Zyklus in weniger als einem Jahr (den Bayreuther Generalprobenbesuch von Siegfried nicht mitgerechnet) kommentiere ich mal zusammengefasst in einem Blogbeitrag. Im neuen Karlsruher Ring kommen vier verschiedene Regisseure zu Wort, was an den Stuttgarter Ring vor 20(?) Jahren erinnert. In sofern wird vor allem spanend sein, ob hier eine Einheit gelingt (wie sie Wagner ja zweifelsfrei vorschwebte) oder vier unterschiedliche Ansätze, die in ihrer Gesamtheit womöglich auch neue Einblicke ermöglichen. Dabei gilt wie immer: Ich bin Musiker und kein Musikkritiker. Ich bin mir der Anfechtbarkeit jeder subjektiven Meinung, die ich hier ungefiltert heraustrompete völlig bewusst – und konzentriere mich gerade deshalb zunächst mal auf die inszenatorische Seite.

Und da weiß das Badische Staatstheater Karlsruhe die Vorfreude gleich gehörig anzukurbeln, werden doch im Foyer einige alte Wagnerpartituren aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt, aus denen der ehemalige Karlsruher Generalmusikdirektor Hermann Levi die ersten Karlsruher Aufführungen dirigierte. Levi war übrigens auch der Uraufführungsdirigent von Wagners Parsifal in Bayreuth und hatte dieselben Partituren bei den Bayreuther Uraufführungsgeneralproben dabeigehabt, um sich ggf. einige Notizen aus des Meisters Mund machen zu können. Ein echtes Stück Musikgeschichte also, das auch die lange Wagner-Tradition des Karlsruher Hauses unter Beweis stellt. Interessante Details wie die Streichung der Bassposaune (welche damals die Möglichkeiten der Staatskapelle überstieg) oder die Hinzunahme eines Orgelpedals für das tiefe Es des Rheingold-Vorspiels sind hier zu erkennen.

Dominierendes Element im „Rheingold“ ist eine (zum Glück stumme) Schauspielergruppe, die während der Oper auf der Bühne den gesamten Ring des Nibelungen zusammenfasst. Es gibt einen pantomimischen Siegfried (erwachsen und als neugeborenes, blutiges Baby), sowie Sieglinde (die gerade entbunden hat), Brünnhilde, Gunter, Gutrune und Hagen – allesamt also wohlbekannte Ring-Protagonisten, die aber im Rheingold laut Libretto streng genommen noch keinen Auftritt haben, vom Regisseur aber schauspielerisch eingeführt werden. Diese Schauspieler exerzieren die wichtigsten Szenen des Rings chronologisch korrekt durch und treffen an vielen Stellen mit der eigentlichen Rheingold-Handlung zusammen. Beispiel gefällig? Als Alberich sich zwecks Tarnhelmdemonstration in einen „Riesenwurm“ verwandelt wird dieser von Schauspiel-Siegfried blutig abgeschlachtet – weil die parallele Ring-Handlung zu diesem Rheingold-Zeitpunkt eben beim zweiten Siegfried-Akt angekommen ist. (Zwischenruf aus dem Gemerk: In „Siegfried“ wird aber Fafner vom Titelhelden erschlagen, nicht Alberich. Nun gut, ein Wurm sind beide…)

Das Regiekonzept bietet zwar einige interessante Parallelen, so zB das Finale, wenn gleichzeitig zum Einzug der Götter auf Walhall alles in Flammen aufgeht (Ende der „Götterdämmerung“), kommt aber letztlich arg konstruiert daher. Der Haupterzählstrang ist gut gearbeitet. Die Menschen sind modern gekleidet, die Riesen keinen Deut größer als die Götter, das Bühnenbild aber schlüssig und überzeugend (Drehbühne zwischen Rhein / Nibelheim und Wotans Wohnung / Büro, samt Aktenordnern, Safe, in dem er noch einen geheimen Erda-Apfel versteckt hat und samt dem unvermeidlichen Konferenztisch zur Verhandlung seiner Verträge). Eine schöne Detaillösung: Die Rheintöchter haben eine schwebende Insel, die Wasser abregnet. Die Überfrachtung mit der parallelen Ring-Gesamthandlung in Pantomime-Form wäre also gar nicht nötig gewesen. Verstehen kann man all das nur, wenn man den „Ring“ eh schon sehr gut kennt – wie soll man denn bitte als Erstzuschauer bereits die drei Folgeopern kennen? Es ist also eine Inszenierung für Wagner-Experten, die nicht als Abo-Publikum kommen („Wie lange dauert das bei Wagner? Das muss ein Druckfehler sein…“), sondern – so wie ich – zielgerichtet und als Wiederholungstäter, der das Teil mehr oder weniger auswendig kann. Doch gerade dieses Wagnerstammpublikum möchte doch vor allem gute Musik und eine musikalische Inszenierung erleben. Wenn dann das Hämmern der nibelungischen Schmiede im Zwischenspiel dazu missbraucht wird, die entbindende Sieglinde zu zeigen geht das einfach an der Sache vorbei. Ich verstehe ja das Konzept und die Idee dahinter, ich möchte aber nicht eine Szene, in der mal nicht gesungen wird (den Regisseur scheint das zu freuen, denn da kann er ja mal unterbringen, was gerade fehlt) mit einer Szene zugekleistert sehen, die so gar nicht zur Musik passt.

Ein weiterer häufig im modernen Regietheater zu beobachtender Fehler: Man findet einen interessanten Halbsatz und ordnet den Rest der Inszenierung der Neuinterpretation dieses Satzes unter. Beispiel gefällig? Freia fühlt sich in Karlsruhe von Fasolt mitnichten abgestoßen, sondern fällt ihm bei jeder Gelegenheit um den Hals. Hat der Regisseur sich vielleicht Fafners Rede an den Bruder „Mehr an der Maid als am Gold lag dir verliebtem Geck: […] ohne zu Teilen hättest du Freia gefreit.“ zu sehr zu Herzen genommen? Freia selbst gibt im Libretto jedenfalls keinerlei Sympathiebekundung von sich, schreit hingegen jämmerlich um Hilfe. So wird sie zum Flittchen gemacht, nur weil einer der Riesen (angeblich) eine größere Zuneigung zu ihr verspürt. Sorry, geht gar nicht.

Vielleicht wollte der Regisseur ja durch die Hinzufügung des Gesamt-Rings als Schauspielpantomime auch sagen, dass er eigentlich lieber selbst die anderen drei Teile inszeniert hätte. Die Walküre bietet jedenfalls eine deutlich andere Bildersprache, die deutlich mehr überzeugen kann, weil sie eben nicht überfrachtet ist. Der erste Akt besteht aus einer vertäfelten Wand mit drei Türen, die sich an ausgewählten Stellen wie von Zauberhand öffnen und wieder schließen. Dahinter finden sich nicht nur Videoprojektionen zum Thema Wonnemond, Esche & Co, sondern während der langen Soloinstrumentalkantilenen sitzen Orchestermusiker in den offenen Türen und blasen ihr Solo. Es ist wunderbar magisch, wie hier die Opernhandlung stillsteht und man sich auch auf der Bühne voll auf die Musik(er) konzentriert – und allemal schöner als das übliche Sich-Anschmachten der Protagonisten, das meist nur tumb und unglaubwürdig wirkt. Auch mit den Schatten der Sänger wird Zauberei betrieben, da diese auf wundersame Weise ein Eigenleben führen: Während Siegmund und Sieglinde noch zögern lösen sich im Hintergrund ihre Schatten von ihrem Besitzer und wandern mit ausgestreckten Armen aufeinander zu; während Hunding Siegfried droht wächst sein Schatten wundersamerweise zu monströsen Ausmaßen heran, während die anderen Personenschatten unverändert bleiben. Es ist fast wie in einer Varieté-Zaubereishow und ich habe keine Ahnung, wie man diesen Trick hinbekommen hat.

Auch der zweite Walküren-Akt ist eher karg und besteht teilweise aus einer schrägen Treppe, die wie eine Rolltreppe in Zeitlupe teils bewegt wird und wieder von der Wand aus Akt 1, welche vornedran gefahren wird, verdeckt werden kann. Die Rolltreppe symbolisiert ausgiebig die Machtverhältnisse zwischen Wotan, Brünnhilde und Fricka. Auffallend, dass öfter aus dem Off gesungen wird, was dann elektrisch verstärkt wird. Insbesondere Wotans Jugenderinnerungen („Als junger Liebe Licht mir verblich“) gewinnen so sehr an Volumen, und wenn Wotan schließlich wieder die Bühne betritt und unverstärkt weitersingt klingt er fast dünn, verglichen mit dem verstärkten Sound aus dem Off. Dieser Effekt stellt sich im Laufe des Abends noch öfters ein und ich frage mich ganz ketzerisch, warum man Sänger eigentlich nicht generell verstärkt. Vielleicht wäre viel gewonnen, wenn diese nicht den ganzen Abend gegen das Orchester anbrüllen müssten. Die Textverständlichkeit würde es zudem danken.

Der dritte Akt inszeniert den Walkürenritt ausschließlich als großformatig projiziertes Video: Lachende Frauen reiten auf fliegenden Motorrädern durch eine Berglandschaft; der Gesang kommt wiederum aus dem Off – leider ist das die schlechteste Stelle der Inszenierung, da der Motorradfilm doch sehr nach Hobbybastelarbeit am Aldi-PC aussieht. Filmreif ist das ganze bei weitem nicht und wirkt so recht albern. Wer so etwas probiert begibt sich in der Konkurrenz zu Hollywood- Blockbustern eben auf dünnes Eis. Das anschließende Bühnenbild stellt einen Trümmerhaufen (in der Mitte anhebbar) in weiß dar, samt einer Bodenluke in der Brünnhilde zur Strafe versenkt werden kann und als schockgefrosteter Eisblock in erstarrter Han-Solo-Manier wieder auftaucht. Dieser Effekt kann schon eher gefallen. Brennendes Eis hat etwas tautologsich besonderes – why not!? Alles in allem schlägt die Walküre als Inszenierung das Rheingold deutlich, und der Feuerzauber wurde auch im richtigen Tempo musiziert (nicht wie in Wiesbaden; siehe mein anderer Blogbeitrag).

Wotans fehlendes Auge ließ übrigens Erinnerungen an Arnold Schwarzenegger in seiner Paraderolle als Terminator aufkommen, wie man bei der anschließenden Autogrammstunde gut beobachten konnte.

Das Ignorieren der Wagnerschen Bühnenanweisung kann großartige Ergebnisse hervorbringen, wie jeder weiß. So ist es auch durchaus möglich, über mehrere Akte dasselbe Bühnenbild zu verwenden, auch wenn der Handlungsort streng genommen nicht identisch ist: Die Wand und die Türen der Walküre waren ein solches Beispiel. Leider geht jedoch diese Beibehaltung eines einzigen Bühnenbildes im Siegfried gründlich schief. Wähnt man sich im Ersten Akt noch in Mimes Schmiede, bzw. Antiquitätengeschäft (stehen doch zahlreiche Statuen unterschiedlichster Epochen bis hin zur Schaufensterpuppe herum), so hat man im zweiten Akt deutlich mehr Probleme, Mimes Wohnzimmer mit Neidhöhle oder im dritten Akt gar dem Walkürenfelsen in Verbindung zu bringen. Es wirkt schlicht so, als hätte man vergessen, das Bühnenbild vom ersten Akt umzubauen. Der Grund, warum das konstante Bühnenbild so stört ist die kaum vorhandene Abstraktion: Alles wirkt sehr naturalistisch, ist tiefenscharf ausgeleuchtet und bietet eben keinen Raum für wundersame Einflüsse des Übernatürlichen wie die Türen in der Walküre. Da helfen auch an Seilen fliegende Waldvögelchen nicht – mit der Bühne habe ich ab dem zweiten Akt meine Probleme. Hinzu kommt in der Schlussszene ein deutliches dynamisches Ungleichwicht zwischen Siegfried und Brünnhilde. Ich will mich gar nicht auf die Diskussion einlassen, wer zu laut oder zu leise war: Harmoniert hat es leider nicht und das wäre doch gerade hier wichtig gewesen, wo eine knappe dreiviertel Stunde lang jede Handlung stillsteht und alles auf musikalische Symbiose angelegt ist. Auch die großformatigen Kinoprojektionen von galoppierenden Antilopen machen nicht so recht Sinn, bzw. wer ihn findet darf ihn mir gerne erklären. Und – wogegen ich auch allergisch bin – es gibt zahlreiche Wort-Bild-Differenzen, wenn Siegfried zB versucht auf dem (wörtlich) „Rohr“ die Weise des Vogels zu imitieren, dies aber an einem verstimmten Piano aus Mimes Plunderfundus tut, oder er über dem (angeblich) soeben geöffneten Brustpanzer des (vermeintlichen) Mannes erkennen muss: „Das ist kein Mann!“, Brünnhilde sich zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht auf der Bühne befindet. Zahlreiche Sünden des Regietheaters (das ich ja keineswegs komplett ablehne – nur muss es eben Sinn machen!) finden sich wieder, so z.B. auch das unmotivierte Herumstehen und Beobachten von anderen Szenen durch Bühnenfiguren, die laut Originalanweisung eigentlich gar nicht zugegen sein dürften. So spielen Alberich und Mime Schach (ein übrigens auch recht plumpes Sinnbild), während Siegfried direkt daneben mit Fafner kämpft (ohne dass die beiden es zu bemerken scheinen), Erda und drei Schauspieler-Nornen beobachten den Kampf Siegfried / Wanderer und Wotan (alias Wanderer) unterhält gar eine komplette Spitzelzentrale, in der er mit einigen Kollegen und antiker Stasi-Technik, inkl. Röhrenfernseher und Tonbandgerät das Bühnengeschehen aus einer Seitenloge überwacht. Der Waldvogel darf auch gelangweilt mit dem Handy spielen / texten. Ach, wie modern, jaja. Das alles ist doch recht klischeebeladen. Ein bedeutungsschwangeres Hinwegfegen von Schachfiguren (3. Akt, 1. Szene, Wanderer) geht einfach nicht mehr als origineller Einfall durch.

(Wer übrigens wissen möchte, welches Schachspiel die Requisite verwendet hat: Das Modell: https://www.amazon.de/Albatros-2479-Holz-Schachspiel-Vinci-42/dp/B00JR5ZJJG/ref=sr_1_12?ie=UTF8&qid=1522617439&sr=8-12&keywords=Schach thront auch über meinem Flügel; wer lieb fragt bekommt vielleicht ein Foto geschickt.) So hinterlässt der Siegfried leider den bislang zwiespältigsten Eindruck unter den bisher gesehenen Stücken dieses Rings.

Auch die Götterdämmerung kann das nicht wirklich verbessern, tappt sie doch auch gleich in mehrere Klischee-Fallen. Ein Vorhang mit der Aufschrift „The End“: Ja, schon klar, das ist das letzte Stück des Zyklus. Davor sitzen drei Regisseure in ihren Regiestühlen: Rheingold mit 4 Notenbüchern (denn im Rheingold wurde ja der ganze Ring behandelt, s.o.), Walküre mit Videokamera (welche dort eine größere Rolle spielte durch die Hintertürbilder), Siegfried mit Superman-T-Shirt (welches Siegfried neben anderer alberner Outfits tragen durfte). Die Regisseure sind die drei Nornen, die auch später immer mal wieder durchs Bild tapern. Sie filmen (per Echtzeitübertragung auf die Projektion) das Geschehen und beeinflussen es, in dem sie zB einen aus den eigenen Reihen als Brünnhilde verkleiden, welcher dann als Walttraute auftreten darf, um Brünnhilde den Ring abzuquatschen. Damit das auch jeder versteht bietet man zuerst das Kostüm aus dem dritten Akt der Walküre an, dann entscheidet sich die Sängerin jedoch für eine Kopie des Hemds, welches Brünnhilde gerade eben trägt und tritt ihr so als Doppelgängerin entgegen. Und, man ahnt es schon: Die Nornen / Regisseure werden später auch zu den drei Rheintöchtern. Man lasse es sich also auf der Zunge zergehen: Drei Sängerinnen werden als Männer verkleidet, um Regisseure darzustellen und verkleiden sich als solche dann auf der Bühne wieder als Frauen (Nornen, Rheintöchter & Waltraute). Kannst du dir nicht ausdenken und ist, wenn man mich fragt, ein großer Schmarrn.

Auch szenisch wird nicht viel geboten: Ein Schlafzimmer zur Hochzeitsnacht und ein verspiegelter Saal als Gibichungenhalle, welcher später unlogischerweise aber auch für den „Jagdunfall“ herhalten muss, von wo Siegfried dann in dieselbe Halle zurückgebracht(?) wird. Sonst ist weitestgehend Leere auf dem Parkett. Achja, es gibt (wie in Wiesbaden) ein echtes Pferd. Aber: Ist das wirklich Grane, wie man es nach der tierärztlichen Unbedenklichkeits-Spoilerung des Programmzettels erwartet hat? Das Pferd steht unmotiviert zu Beginn des zweiten Akts herum und wird dann von Hagen für Fricka geopfert, denn scheinbar bemerkt er nicht, dass es sich nicht um einen Stier handelt („Starke Stiere schlachtet für Fricka“). Der Kehlenschnitt wird angedeutet, das Pferd daraufhin brav herausgeführt und hinterher als Attrapenkadaver auf einer Plane ganz locker einhändig wieder reingezogen. Alles ist unfreiwillig komisch. Und dass Brünnhilde ihr Ross in ihrem Schlussgesang noch einmal direkt anspricht hat der Regisseur wohl auch übersehen. Es muss sich also wohl nur um ein beliebiges Opferpferd handeln; Grane kann es nach allen logischen Überlegungen nicht sein.

Die verspiegelten Platten, in denen man sich selbst als Publikum (und nebenbei auch Dirigent und Souffleuse) beobachten kann habe ich auch schon zu oft gesehen, um dem noch etwas abzugewinnen. Jaja, ich weiß, in der Götterdämmerung kommen zum ersten mal „echte Menschen“ vor, deswegen hält man der Gesellschaft den Spiegel vor und wir sind damit auch gemeint, denn die Geschichte ist ja hochaktuell und betrifft uns alle und sabbelsabbelsabbel.

So reiht sich Fehler an Fehler und kaum etwas ist rund geworden. Weiteres Beispiel: Die Jagdgesellschaft hat einen modernen Grill dabei und ordentlich Bierkisten! Ja, da gehe ich ja mit, aber: Warum tragen dann alle schwarze Stoffhosen und weiße Hemden? Weder der Jäger, noch der grillende Biertrinker kleidet sich doch so, oder? Gerne modern, gerne anders als im Libretto, aber so ist es weder Fisch noch Fleisch.

Was szenisch (musikalisch ist eh alles im Lot!) wieder etwas versöhnt (nachdem Siegfried, Gunther, Hagen(!) und Gutrune(!!) sich in rascher Folge gegenseitig ermordet haben) ist Brünnhildes Schlussgesang. Nach einem kleinen Lagerfeuerchen, in dem sie zu dessen Entsetzen Notenseiten des Rheingold-Regisseurs verbrennt schnappt sie sich kurzerhand einen Regiestuhl und dirigiert das Bühnengeschehen im Rückwärtslauf: Auf ihre Handbewegungen bewegen sich die Protagonisten wieder rückwärts bis vor den Mehrfachmord. Endlich mal ein neuer Gedanke, der Sinn macht. Hier wurde ein schönes Sinnbild für das reinigende Feuer gefunden: Brünnhilde drückt den Resetknopf.

Man merkt aber: Mit Ausnahme des Schlusses habe ich mit der Götterdämmerung die meisten Probleme. Und damit meine ich nicht die typischen Aufreger: Dass Siegfried mit dem Tarnhelm Gunther den Weg in Brünnhildes Schlafzimmer ebnet und anschließend seine eigene Erregung kurzerhand wegonanieren muss lasse ich gelten, die Andeutung einer homoerotischen Liebe zwischen Siegfried und Gunther ebenso; das lässt sich sogar aus dem Libretto herauslesen! Aber die pantomimischen Regisseure nerven, das Pferd nervt, die Grillszene nervt – es ist einfach alles nicht zu Ende gedacht. Es wirkt zudem so, als hätte man sich in Karlsruhe einen neuen, teuren Großleinwand-Beamer zugelegt und jeder Regisseur hätte die Auflage gehabt, diesen auch ausgiebig benutzen zu müssen.

Nun liest sich mein Bericht wieder weit negativer, als beabsichtigt. Wie immer gilt: Kritisieren ist leicht! Ein großes Lob an alle Beteiligten für einen wunderbaren Ring, der lange nachhallen wird. Dem einen Zuschauer, der bei jedem Applaus nervtötenderweise „Buh!“ rufen musste kann ich jedenfalls in keiner Weise beipflichten. Applaus, Applaus!

Der aufmerksame Leser wird merken: Bisher ging es hauptsächlich um die Inszenierungen – dabei bin ich doch Musiker! Nun, die Musik ist ja immer dieselbe (zum Glück!), und am stärksten ändert die Inszenierung den Gesamteindruck. Abschließend noch ein paar Worte zum musikalischen Gesamteindruck: Die Gewinner sind Dirigent Justin Brown (kräftig schwerer Wagner-Sound, wie ich ihn liebe; mit den Tempi gehe ich ebenfalls voll mit ihm, was z.B in Wiesbaden nicht immer so war), die Badische Staatskapelle (vor allem die Bläser sind sehr kiekserfrei und ein Hornist spielt sogar Siegfrieds Hornsolo auswendig auf der Bühne; der größte Patzer war der Moll-Dreiklang vor Brünnhildes erstem Satz im Siegfried: Hier scheint sich der Bläser des Grundtons im Vorzeichen geirrt zu haben, was zu entsprechender Heiterkeit in den Streichern führte), sowie Sopranistin Heidi Melton mit einer grandiosen Brünnhilde (nebenbei ihr erster kompletter Ring-Zyklus ever!). Größter Star ist Richard Wagner, dessen Musik ich nach wie vor zum Besten zähle, was jemals geschrieben wurde.

Gesamteinordnung: Ich habe vier verschiedene Ringe als Zyklus gesehen, teilweise mehrfach: Mannheim (vor 20 Jahren), Mannheim (Achim Freyer), Wiesbaden und Karlsruhe, plus die Generalprobe des diesjährigen Bayreuth-Siegfrieds. Was Orchestersound, Dirigat und Tempi anbelangt war der Karlsruher der beste aller Ringe. Inszenatorisch würde ich den Wiesbadener und den alten Mannheimer Ring (den mit der Beton-Optik) bevorzugen, sängerisch kann ich mich nicht festlegen, sondern könnte nur meine Idealbesetzung für jede Rolle nennen. Aus Rücksicht auf die Kollegen möchte ich auf eine solche Wertung verzichten, da ich einige der beteiligten Solisten kenne und auch schon mit ihnen konzertiert habe. Eine solche Wertung ist auch für einen Profi immer subjektiv, Geschmackssache und mit Vorsicht zu genießen. Konkrete Kritik bezieht sich allenfalls auf das Miteinander (wie zB die Schlussszene von Siegfried, die meines Erachtens nicht zusammenpasste). Ein Lob für Entdeckungen, die ich vorher nicht kannte darf jedoch gerne ausgesprochen werden: Was mir in Wiesbaden Andreas Schager war, das ist in Karlsruhe Heidi Melton, die mit ihrem ersten Brünnhilde-Zyklus überhaupt(!) eine Leistung vorgelegt hat, die sich hinter niemandem verstecken braucht (und so viel Konkurrenz gibt es im großen Wagnerfach ohnehin nicht…). Als Geheimwaffe und eierlegende Wollmilchsau entpuppte sich zudem Katharine Tier, die als Fricka, Erda, Rheintochter, Norn, Waltraute und Erda mitnimmt, was stimmlich geht und dabei stets eine gute Figur macht: Daumen hoch für diese Leistung!