Die Walküre (27.4.2017, Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

Die Walküre (27.4.2017, Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

Nach dem wunderbaren Rheingold geht es direkt am Folgetag weiter mit der „Walküre“, dem Werk, das vielleicht von allen vier Ringteilen am ehesten auch alleine stehen könnte. Über vier Stunden Musik erwarten den treuen Wagner-Fan, gekrönt von einem Finale (Feuerzauber), welches wohl in der ganzen Operngeschichte nie erreicht oder übertroffen wurde.

Siegmund, gejagt von Hundings uniformierten und gewehrbewaffneten Mannen, erreicht auf seiner Flucht erschöpft eine abgewirtschaftete Stammtischkneipe, die wirkt, als müsse nach der letzten Sitzung des CSU-Ortsvereins noch feucht durchgewischt werden, um den Geruch nach Frittenfett (in dem auch schon mal Fisch zubereitet wurde) mit einem Urinal-Duftstein übertönen zu können. Nein, luxuriös lebt der Gschaftlhuberverschnitt Hunding mit seinen Hosenträgern nun wirklich nicht, dafür ist Albert Pesendorfers Bass um so wirkmächtiger. Sang er am Vorabend noch einen eher pastoral-besonnen, dabei nicht minder eindrucksvollen Riesen gibt er heute vom ersten Moment an einen bärbeißigen Hunding, der sowohl seiner Gemahlin wider Willen Sieglinde (klangschön und stets der Rolle angemessen zurückhaltend singend und spielend: Sabina Cvilak) als auch dem unerwarteten Gast Siegmund, the artist formerly known as Wehwalt (eine tenorale Urwucht mit metallischem Glanz: Andreas Schager) keinen Zweifel lässt, wes Haus und Herd dies eigen ist. Die Weltesche durchbricht in Gisbert Jäkels gelungenem Bühnenbild die Dorfkneipe zum Dachgeschoss hin, welches die obere Hälfte der horizontal zweigeteilten Bühne zum Blick in den Nachthimmel freigibt: Schön gelöst, das Ganze!

Obwohl keiner im hervorragenden Sängerensemble zurückstehen muss gehört der erste Akt natürlich ganz dem Siegmund Andreas Schagers: Seine „Wälse“-Rufe erreichen auf der Dezibel- und Sekundenskala im Guinessbuch sicherlich das obere Viertel der bisherigen Rolleninterpreten, auch wenn sein erster „Wälse“-Ruf wohl eher einem „Wolse“ galt (sehr dunkle Vokalfärbung). Über textliche Unsicherheit sieht man gerne weg, denn stimmlich scheint Schager unverwöstlich [sic!]: Ein famoser Sänger mit einem riesigen Tenor. Ich freue mich auf seinen Siegfried, der ihm (noch) mehr liegen dürfte als die eher lyrische Siegmund-Partie – nicht allzuoft werden beide Partien im selben Ringzyklus mit demselben Sänger besetzt.

Der Zweite Akt spielt in einer Art Bierzelt, das als militärische Beratungs- und Kommandozentrale umfunktioniert wurde, in der Wotan (eine stimmliche Autorität: Egils Silins) mit einer Reihe uniformierter Statisten beraten darf. Leider konnte ich mangels Erinnerung nicht mehr vergleichen ob sie die selben Uniformen trugen wie Hundings Mannen im ersten Aufzug?! Sinn würde es streng genommen nicht machen, aber ausschließen möchte ich es nicht. Auf jeden Fall werden Assoziationen zum Film „Der Untergang“ mit Bruno Ganz als Adolf Hitler, bzw. Wotan geweckt. Diese Uniformflut auf der Bühne finde ich in letzter Zeit dann doch sehr strapaziert, zumal es die Inszenierung keinen Deut voranbringt. Zum Glück verschwinden die Statisten recht schnell und Evelyn Herlitzius darf ihren für eine Brünnhilde eher (angenehm) schlanken Sopran erklingen lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Walküren-Interpretinnen nimmt sie die Spitzentöne der „Hojotoho“-Oktaven sehr kurz, wie von Wagner vorgeschrieben im Staccato, ohne den Spitzenton noch einmal mit Vibrato zu fixieren, wie das beispielsweise auch im Dritten Akt wieder von einigen der Walküren praktiziert wird. Obwohl dem Notentext entsprechend ist das nicht ganz ohne Risiko, da manche Töne leider nicht getroffen werden, nach ihren ersten rezitativischen Sätzen ist sie bei der zweiten Hojotoho-Stelle dann aber voll auf der Höhe, was den Zuhörer mehr als entschädigt. Süffisant kündigt sie Wotan Krach mit seiner Ehefrau an: Wie schon im Rheingold gibt Margarete Joswig eine pelzbestolte, grauhaarige Fricka-Eminenz im Stil einer Dax-Vorstands-Gemahlin. Die Partie der Fricka ist in der Walküre meines Erachtens deutlich interessanter als im Rheingold, was von Joswig mühelos bewältigt wird.

Als das verliebte Geschwisterpaar Siegmundlinde erneut die Szene betritt malt Brünnhilde Siegmund die Wonnen Walhalls aus, was seitens der Regie auch bildlich illustriert wird: Doch auch die Wunschmädchen und Wotans Tochter, die ihm den Becher in Laufenbergs Inszenierung auf offener Bühne tatsächlich reicht bewegen Siegmund bekanntermaßen nicht, in sein Todesschicksal einzuwilligen. Die abschließende Kampfszene zwischen Hunding und Siegmund steigert ihre in fast allen Produktionen vorhandene unrealstische Tapsigkeit noch dadurch, dass Hunding mit einem Gewehr bewaffnet gegen Siegmunds Nothung-Schwert offenbar nicht auf die Idee kommt, doch einfach mal aus sicherer Entfernung zu schießen, wie es einst Harrison Ford als Indiana Jones tat. Aber auch mit dem Gewehr als Hieb- und Stichwaffe bleibt er mit seinem Bajonett Sieger. Entgegen Wagners Libretto beobachtet Fricka die Szene nach wie vor, auf Wotans Aufforderung „Geh hin, Knecht, knie vor Fricka“ wird Fricka jedoch leider ignoriert und Hunding erleidet seinen gewöhnlichen Schlaganfall auf Wotans verächtliche Handbewegung. Wotans abschließender Zorn und vor allem das Orchesternachspiel (Wut-Motiv) mit dem crescendierenden neapolitanischen Sextakkord packen einen immer wieder ganz elementar und direkt: Großartig musiziert von der Staatskapelle!

Der Dritte Akt bietet als eröffnende Hauptattraktion ein echtes Pferd: Ein netter Gimmick, dadurch das sich aber nur ein Pferd, aber acht Walküren (Sarah Jones, Sharon Kempton, Heike Thiedmann, Judith Gennrich, Marta Wryk, Anna Krawczuk, Maria Rebekka Stöhr und Romina Boscolo – ich gebe gerne zu, sie rollen- und namenmäßig nicht auseinanderhalten zu können!) auf der Bühne befinden wirkt das Bild leider nicht ganz stimmig. Das Pferd erhält für seine zwei gerittenen Manegenrunden zwar ordentlich Szenenapplaus, jedoch muss man als Konsequenz mit einem Zirkusrund innerhalb einer Reithalle (Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand) für den Rest des Aktes leben. Das Rund in der Mitte bietet abschließend – man ahnt es bereits zu Beginn – einen hervorragenden Platz, um Brünnhildes Schlaf eine standesgemäße Bühne zu bieten. Dies geschieht durch eine Steinstatue, die sich nach Art einer Eisernen Jungfrau (aber ohne Dornen) öffnet und Brünnhilde in ihrem Inneren aufnimmt. Die brennenden Grillschalen bieten ein stimmungsvolles Ambiente, wobei man zunächst denkt, dass das doch zu früh ist, hat Wotan doch noch gar keinen Loge beschworen?! Doch schließlich setzt Wotan selbst mit seinem Speer die Manege in Flammen und (unterstützt von Feuerprojektionen) ergibt sich ein herrliches Schlussbild. Doch halt! Das projizierte Feuer verwandelt sich in die Silhouette einer nächtlichen Großstadt, schließlich in eine Straßenszene samt Auotverkehr, Taxis, etc. Das ist leider wieder etwas, das ich nicht recht verstehe, da das Bild einfach einen starken Bruch bekommt, der so in der Musik ja nirgendwo zu finden ist. Schade!

Auch das Orchester und das Dirigat Alexander Joels (sonst ohne Fehl und Tadel) hat im feuerzaubernden Finale nicht seinen stärksten Moment. Für meinen Geschmack ist das einfach alles viel zu schnell runtergespielt. Natürlich ist das Geschmackssache, aber ich bin nun mal ein Freund des schweren Wagnerklangs und geprägt von Dirigenten wie James Levine. Das pentatonische Schlussmotiv in E-Dur muss für meinen Geschmack einfach mehr das Schunkeltempo eines Schlafliedes haben, denn dann werden auch die Akkordgirlanden besser durchhörbar und ergeben keinen impressionistischen Klangbrei. Vielleicht ist der Autor dieser Zeilen aber auch wieder zu kritisch, hat er sich doch schon öfter durch den Klavierauszug des herrlichen Finales gearbeitet und somit (zu viel?) Kenntnis, die ihn das Stück nicht mehr unmittelbar genießen lassen? Nein, also etwas langsamer müsste es schon sein, da bin ich mir dann doch sicher!

Morgen ist Pause, am Samstag wird Siegfried folgen, hoffentlich auch mit nächtlicher Blog-Rezension. Nach den bisherigen Erfahrungen ist die Vorfreude meinerseits noch mal gesteigert!