Götterdämmerung (1.5.2017, Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

Götterdämmerung (1.5.2017, Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

„Weißt du wie das wird?“ Fünfeinhalb Stunden später weiß man: Es wurde großartig! Die drei Nornen (weihevoll wogend: Bernadett Fodor, Silvia Hauer und Sabina Cvilak) durften das Vorspiel zum Finale von Richard Wagners Weltendrama stimmungsvoll vor einem modernen Wohnbungalow eröffnen, indem sie das Seil in Form von grünen Laserstrahlen und -punkten aus ihren mit Präsentationspointern präparierten Handschuhen quer durch das klassizistische Wiesbadener Opernhaus schossen. Besagter Wohnbungalow (es ist die Sorte Bungalow, die gerne von kinderlosen Zuviel-Verdienern mit SUV vor der Tür und Porsche in der Garage bewohnt wird) ist das neue Heim von Siegfried (gewohnt nassforsch und stimmlich unverwüstlich: Andreas Schager, für mich die Entdeckung des gesamten Zyklus) und Brünnhilde (von lieblich bis energisch gekonnt abschattierend, in den Spitzentönen manchmal etwas grell forcierend: Evelyn Herlitzius), denn der Hausherr betritt – sich noch bettwarm wohlig räkelnd – mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einem Elektrorasierer im Gesicht die weiße Marmorfläche mit den sparsam designten, wahrscheinlich aber preislich überteuerten Sitzmöbeln und dem Schalenkamin (die Schalen als einzige Reminiszenz an den ursprünglichen Walkürenfelsen, auf welchem die Szene laut Libretto ja unverändert spielt) in der Mitte. Die Gemahlin erscheint kurz darauf zum Liebesduett im Negligé und richtet ihm fürsorglich seine Klamotten und seinen Reiserucksack, beides in schwarz gehalten, was Siegfried bei Aufbruch das Aussehen eines (leider wenig Glück bringenden) Schornsteigerfegers verleiht. Jedenfalls scheint das Ehepaar nicht nur (wie in Wagners Libretto angegeben) eine Nacht gemeinsam verbracht zu haben, sondern ist bereits deutlich weiter im Spießertum angekommen als man vermutet hätte; auch Siegfrieds Haarschnitt ist nun eher nach BWL-art, als nach Luftschlagzeug spielendem Teenager.

Die Szene verwandelt sich hinter geschlossenem Vorhang, wobei die Rheinfahrt durch entsprechende Bilder auf dem wie schon an den vorherigen Abenden schmalen Videostreifen passend illustriert wird, unter anderem durch majestätische Bilder der nahegelegenen Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub. Ein besonderes Lob gebührt den Bühnenbildnern und -technikern, denn der Bungalow ist vollständig abgebaut, die Gibichungenhalle ist mit großformatigen schwarzen Außenwänden und Stoff in dunkelrot versehen. Im Laufe desselben Aktes wird diese Szene sogar nochmals zurückgebaut werden, wobei der Wohnbungalow immerhin einen Kaminschacht mit echtem Feuer samt Ablaufgitter, transparente Schiebefenster und ein von mehreren Personen begehbares Dach enthält. Respekt für diese logistische Umbau-Meisterleistung, die für die Handlungsorte auch wirklich Sinn macht! Gunther (Samuel Youn) lässt sich von Hagen (für den bedauerlicherweise kurzfristig erkrankten Albert Pesendorfer – ich hätte ihn nach Fasolt und Hunding sehr gerne in einer dritten Ring-Partie gehört! – eingesprungen ist der Premieren-Hagen – d.h. er kennt zumindest die Regieanweisungen in- und auswendig, im Gegensatz zu den üblichen Einspringern: Shavleg Armasi) ein wenig die Butter vom Brot nehmen. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob das die Interpretendisposition ist oder Teil des Inszenierungskozepts, aber Hagen dominiert die Szene. Gunther Schwester Gutrune (Sabina Cvilak in einer Doppelrolle) tritt als (retro-)modebewusster Vamp im Look einer 80er-Jahre-Madonna (ich meine den Popstar) auf, von Beginn an selbstbewusst und zu jeder Intrige bereit; nicht das graue Bruderanhängsel, das man in dieser Rolle oft vorfindet. Siegfried bringt ein beeindruckend großes Ross Grane mit – das Modell erreicht mit Kopfhöhe in weißer Statuenoptik die gesamte Bühnenhöhe, was locker im zweistelligen Meterbereich liegen dürfte. Ein weiteres wichtiges Merkmal der Gibichungenhalle-Innenausstattung ist der große rechteckige Konferenztisch, den wir schon aus Wotans Walküre-Kriegsrat kennen: Haben die Gibichungen diesen aus Wotans Vorlass erworben? Soll symbolisiert werden, dass diese weltlichen Herrscher dem Gott an Machtfülle bereits den Rang abgelaufen haben? Der Tisch wird bis zum Ende des Abends eine große Rolle spielen.

Nach erneutem verdecktem Umbau zurück zum Bungalow (siehe oben) folgt die Szene zwischen Brünnhilde (mittlerweile vollständig modern bekleidet und gelangweilt als einsame Hausfrau Magazine lesend) und Waltraute (Bernadett Fodor als Alt meistert die Mezzosopran-Partie bravourös). Hierbei wird leider sehr oft im inneren des Bungalows gesungen, was teilweise den akustischen Genuss beeinträchtigt. Es ist ein altes Problem: Agiert man als Opernsänger „natürlich“ oder singt man das Publikum (und damit nicht seinen Dialogpartner) an? Gerade in dieser Szene, die ja nur aus Dialog und Erzählung von Wotans aktueller Situation besteht und keine äußere Handlung bietet hat sich der Regisseur offenbar für ein natürliches Agieren entschieden, was die Stimmen teilweise schluckend nach hinten singen lässt. Stichwort Wotan: In seiner Wandererverkleidung schaut er von außen zu, selbstverständlich nur als Statist. Die abschließende Brautwerbung (oder ist es eine Vergewaltigung?) von Tarnhelm-Siegfried alias Gunther findet auf dem Dach des Bungalows statt. Siegfried trägt eine Gummimaske, die ihn tatsächlich täuschend echt wie Gunther aussehen lässt: Leider beeinträchtigt das auch seinen Gesang recht stark, da er durch die Gummimaske durchsingt.

Der Zweite Akt spielt in derselben Gibichungenhalle, die wir aus dem Ersten Akt schon kennen. Hagen sitzt in einem Drehstuhl auf dem langen Konferenztisch in der dunklen Szene, nur von einem Spot erhellt. Neben dem Tisch sitzt Alberich (zu dritten mal in dieser Rolle eine sichere Bank: Thomas de Vries), der als „schlimmer Albe“ (= Albtraum) von unten in Art einer Lagerfeuergruselgeschichte beleuchtet wird und in Echtzeit gefilmt überdimensional hinter Hagen projiziert wird. Die Bilder sind beeindruckend und unterstreichen den Traumcharakter der Szene. Die anschließenden Chorszenen wirken etwas statisch. Einerseits sind die Männer wie die bundesdeutsche Sturmpolizei mit Maschinengewehren und Uniform samt Helmvisier unterwegs, andererseits schwenken sie zur Vorstellung der Brautleute rote Fähnchen (was hat der Kommunismus damit zu tun?). Wie deutsche Touristen im Ausland treten sie gerne quadratisch geordnet auf. Der Chor singt präzise, hat nur ein einziges mal einen leicht vorsichtigen, unpräzisen Einsatz – toll! In den Chorszenen habe ich auch vermehrt auf Dirigent Alexander Joel geachtet, was von meinem Platz im 2. Rang Seitenbogen gut möglich war: Er dirigiert in einem nüchtern-präzisen Stil, hält souverän das Tempo mit rechts und formt gleichzeitig den Chorklang und gibt vokale und instrumentale Einsätze mit links. Die Vielfalt seiner Aktionen ist beeindruckend und ich kann selbst aus meinem Blickwinkel allem einen Sinnzusammenhang zur Musik abgewinnen: Das ist beileibe nicht immer so – aber ich bin als Pianist ja auch kein Orchestermusiker. Jedenfalls ist er kein Dirigent,m der permanent die Musik genießt und im Klang schwelgt, sondern ein nüchterner Musik-Arbeiter – der mit seiner trockenen Art tolle Ergebnisse erzielt. Ich fühle mich an ein Interview mit Christian Thielemann erinnert, der sinngemäß sagte: „Der Anfang vom Ende jeder Aufführung ist, wenn der Dirigent anfängt, die Musik zu genießen.“

Im Trio zum Aktschluss wird Siegfrieds Tod beschlossen, nicht mehr, nicht weniger. Mir stößt diese Szene immer wieder sauer auf – und hier zielt meine Kritik ausnahmsweise auf den Meister Richard Wagner selbst und nicht die aktuelle Produktion. Warum sind sich alle drei einig, Brünnhilde überlegt es sich aber kurz drauf anders und Gunther fragt nach Hagens (folgerichtiger) Ermordung Siegfrieds entsetzt „Was tatest du?“ als hätte er nicht genau das Geschehene mit verfügt? Vielleicht kann mich einer der mitlesenden Wagnerfreunde aufklären aber hier macht das Libretto für mich keinen Sinn, und das denke ich schon seit langem.

Der Dritte Akt bringt erneut das Augenlid-Oval aus dem Vorabend auf die Bühne, diesmal allerdings mit gefranstem Glamour-Vorhang versehen und der geschwungenen Leuchtüberschrift „Zum Rheingold“. Die Rheintöchter scheinen sich in ihrer Not und ihrer nuttigen Aufmachung dem horizontalen (oder zumindest dem vertikal leicht bekleidet tanzenden) Gewerbe verschrieben zu haben und bezirzen Siegfried an der Bar entsprechend. Was wollen sie von ihm: Das Gold als Ende ihrer Not oder das Gold als Bezahlung für entsprechende Dienste? Die Rheintöchter ins zwielichtige Milieu zu setzen ist momentan ja angesagt; ich persönlich bevorzuge fantastisch-fantasievolle Ansätze gegenüber allzu plumper klischeemäßiger Aktualisierung. Vor dem Augenlid schließt sich der Vorhang zu einer Baumprojektion und die nächste Szene spielt sich auf der Vorbühne ab: Hagens Mannen haben ordentlich Wild erjagt, das stolz auf dem Boden präsentiert wird. Siegfried redet sich um Kopf und Kragen (die Vögelchen-Nacherzählungen sind die einzigen Stellen, in denen Andreas Schager stimmlich nicht voll auf der Höhe ist, er nimmt sie vielleicht zu schnell um die Spitzentöne sauber treffen zu können?!), wird von Hagens Speer aufgespießt und zuckt sterbend im Orchesterrhythmus. Shavleg Armasi unterläuft ein größerer Lapsus, vergisst er doch ganz einfach, die Worte „Meineid rächt’ ich“ zu singen. (Entschuldige bitte, Shavleg, ich genüge nur meiner Chronistenpflicht!) Siegfrieds Abgesang bekommt mit sich erhebendem Vorhang nun für wenige Minuten ein komplett eigenes Bühnenbild spendiert: Es sind Gegenstände als Symbole für Stationen aus Siegfrieds bisherigem Leben ausgestellt: Sein Jugendzimmersofa mit den Kopfhörern, Mimes speckiger Kühlschrank, der Tarnhelm, eine Warnlichtsäule aus Fafners Goldlager, der Amboss und die Schmiede mit denen er Nothung schmiedete, etc. Die Szene bekommt zusätzlich etwas unwirkliches durch ein Videofeedback in der Hintergrundprojektion: Man sieht Siegfrieds Bewegungen und das Bühnenbild als Endlos-Lichttunnel und Bild im Bild. Die Unmöglichkeit, als tödlich Verwundeter noch minutenlang zu singen wird hier ganz stark gelöst! Siegfried wird, nach nochmaliger verborgener Szenenverwandlung zurück in die Gibichungenhalle auf dem Konferenztisch aufgebahrt. Brünnhildes Schlussgesang ist Evelyn Herlitzius’ stärkster Moment (bei auch ansonsten hohem Niveau). Brand und Vernichtung (erneute Atombombe und Hochhäustersterben, Tsunamis, etc.) geschehen ausschließlich per Videoproduktion in Qualität eines Hollywood-Blockbusters; etwas unpassend wird Hagen von den Rheintöchtern mitgezogen und mitten in einem wasserlosen Wohnzimmer „ertränkt“. Die Schlussprojektionen entfernen sich von der Erde, unserem Sonnensystem, unserer Galaxie, etc. bis alles wieder ein riesiges Auge bildet – mit dem ja auch das Rheingold begonnen hatte.

Der Applaus dauert ca. 20 Minuten und auch das Orchester darf mit auf die Bühne. Sieht man die Gesamtzahl aus Solisten, Chor und Orchester, so ist man erstaunt, wie viele Menschen alleine zum musikalischen Gelingen einer solchen Aufführung beigetragen haben – und da ist die technische Seite im Hintergrund ja noch nicht mal sichtbar! Der meiste Einzelapplaus geht zurecht an Andreas Schager, einem begnadeten Heldentenor aus der Champions League, den ich hoffentlich nicht zum letzten mal gehört habe.

Fazit nach 15(?) Stunden Musik: Der Ring des Nibelungen wird nie aufhören, mich zu faszinieren und stellt auf seine Art einen kaum zu übertreffenden Gipfel einer bestimmten Art Musikdenkens dar. Die vorliegende Inszenierung überzeugte durch größtenteils passende und dem Textverständnis dienende Bebilderung,bei gleichzeitiger Nutzung sämtlicher technischer Möglichkeiten des modernen Musiktheaters. Die Sängerqualität war fast durchweg hervorragend, mit besonders hervorzuhebenden Statement Performaces von Andreas Schager und Thomas Blondelle. Das Orchester spielte auf hohem Niveau, das Solohorn hatte jedoch auch in der Götterdämmerung bei Siegfrieds Leitmotiven wieder größere Aussetzer: Ich habe diese Stellen zwar noch nie perfekt, allerdings schon oft besser gehört. Klar: Das ist eine Angststelle für jeden, der einmal die Glücksspirale in der Hand hatte. Alles in allem ein Opernerlebnis der unvergesslichen Art.

Vielen Dank fürs Lesen. Ich hoffe, bald wieder Gelegenheit zu einem Konzert- oder Opernbesuch ohne eigene musikalische Beteiligung zu haben, von dem ich dann hier berichten werde.