Rheingold (26.4.2017, Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

Rheingold (26.4.2017, Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

Was könnte sich besser eignen als erster Blogbeitrag für meine neue Website als eine Wagner-Rezension? Wagners Musik begleitet mich schon so lange und ich werde nie müde, in ihr immer wieder Neues zu entdecken. Dabei fasziniert mich nicht nur die musikalische, sondern auch die inhaltlich-narrative Seite gleichermaßen. Um so froher bin ich, nun einen weiteren „Live“-Ring-des-Nibelungen besuchen zu können. Und so ging es heute zum Vorabend „Rheingold“ ins Hessische Staatstheater Wiesbaden.

Angenehm kräftig strahlt das tiefe Es der Kontrabässe. Es ist heute kein Klang, der aus dem Nichts (oder den unsichtbaren Tiefen eines abgedeckten Bayreuther Grabens) kommt, sondern ein klarer Auftakt von Dirigent Alexander Joel und ein geradezu körperlich spürbarer Grundton, der unter der Ein-Akkord-Ouvertüre liegt. Dass die Hörner hingegen erstmal warm werden müssen kenne ich aus anderen Aufführungen.

Nun öffnet sich der Vorhang zu einem nach Art eines Augenlids spitz zulaufenden Oval, in dessen Mitte eine Iris projiziert ist. Ein großes Auge ist nun nicht frei von Klischees: Ist es Sauron aus den „Herr der Ringe“-Filmen? Big Brother is watching you? Hat Regisseur Uwe Eric Laufenberg vielleicht Wellgundes „Nichts weiß der Alb von des Goldes Auge, das wechselnd wacht und schläft“ allzu wörtlich genommen? Sei es drum, die Iris verschwindet zum Glück recht schnell wieder und die augenlidförmige Bühne bietet nun Alberich (nicht immer textsicher, aber stimmlich souverän geführt: Thomas de Vries) und den drei badeanzüglich langhaarperrückten Rheintöchtern (gut harmonierend, wobei weniger Vibrato im Satzgesang mehr wäre: Katharina Konrad, Marta Wryk und Silvia Hauer) ausreichend schräge Flächen für anzügliche Fang- und Ausrutschspiele, welche jedoch wie in anderen Aufführungen recht gestellt wirken. Realistischer ist da schon, dass Alberich durchaus auch mal eine Rheintochter zu fassen bekommt, sie mit Gewalt zu Boden zwingt und sich gerade am eigenen Hosenstall zu schaffen macht, bevor sich das Objekt seiner Begierde befreien kann. Höchst originell und ein erster wirklicher Hingucker ist das Rheingold selbst, welches als Goldglitter in die Luft pustende Fontäne dargestellt ist. Leider wird der Moment der Fontäne musikalisch um einige Takte verpasst, hätte er sich doch sehr gut zum Dominantseptnonakkordruf „Rheingold“ angeboten. Auch Alberichs erster Auftritt erfolgte für meinen Geschmack zu spät, ist sein Erscheinen doch von Wagner mit dem plötzlichen Wechsel in die parallele Molltonart (von Bb-Dur zu g-Moll) und durch das grelle Fagottarpeggio eigentlich trefflich komponiert.

Nach Alberichs Fluch verwandelt sich die Bühne hinter geschlossenem Vorhang. Man wähnt sich nun in der Notunterkunft von Familie Wotan: Das Dach und die Wände bestehen aus provisorischen Zeltplanen, im Hintergrund stapeln sich hölzerne (Umzugs?-)Kisten und in der Mitte steht das regietheaterobligatorische Sofa, diesmal in pudelhaft weißer Plüschausführung. Ein schon greiser Wotan mit vernarbtem, nicht beklapptem Auge (stimmlich der Schwachpunkt des Abends: Thomas Hall) diskutiert mit seiner ebenfalls schon ergrauten Gattin Fricka (die vermeintlich unspektakuläre Rolle souverän ausfüllend: Margarete Joswig) über Bauarbeiterlöhne ihres vor Fertigstellung stehenden Eigenheims. Die beiden Bauarbeiter erscheinen in Freimaurerklamotten: Die Riesen (welche hier nichts riesenhaftes haben) Fasolt und Fafner (Albert Pesendorfer stellt Young Doo Park stimmlich deutlich in den Schatten). Die Aufmachung erinnert ein wenig an den Dick-und-Doof-Film „Die Wüstensöhne“ – oder ist Park doch eher Dr. Fu Manchu? Die Götter hingegen erinnern an Gestalten aus alten Bibelfilmen: Mit Gewand und Kopfwickel, jedenfalls nicht in irgendeiner Form übermenschlich anmutend. Leistungen ohne jeden Grund zur Beanstandung bieten die jugendlich klingende Betsy Horne als Freia, sowie Benjamin Russell und Aaron Cawley als Donner und Froh. Nicht vergessen darf man jedoch vor allem Halb- und Feuergott Loge, gesungen von Thomas Blondelle: Für mich die Entdeckung des Abends! Blondelle artikuliert glasklar, leistet sich die gesamte Dynamikpalette von gesundem, nie gebrülltem Forte bis zu ansatzlosem Flüstern, welches sich dennoch gegen das Orchester stets behaupten kann. Seine Interaktion mit Wotan verkommt so zu einem ungleichen Duell: Thomas Hall wirkt stimmlich eigentlich immer so, als würde er extrem kräftig reinholzen, während Thomas Blondelle ihn dennoch auch im Piano an Klangfülle übertönen kann. Auch Blondelles Spiel wirkt stets drahtig und agil. Seine Darstellung von Loge (zugegebenermaßen eine dankbare Rolle) ist ein absoluter Glücksfall!

Die Verwandlung zur dritten Szene läuft auch in Wiesbaden wieder nur mit elektrisch verstärkt zugespielten Ambossen aus der Konserve. Ein weiterer unerfüllter Wagner-Traum von mir: Echte Ambosse auf der Bühne, die von gelernten Schlagzeugern taktgenau – wie von Wagner vorgeschrieben – gespielt werden. (Schon jetzt habe ich Angst vor einem unrhythmisch hämmernden Mime im ersten Siegfried-Akt – kann das bitte einmal ein Sänger rhythmisch korrekt ausführen? Wir werden sehen…)

Mime als bucklige Jammergestalt (trefflich dargestellt und gesungen von Matthäus Schmidlechner) ist unter den Antagonisten für mich schon immer einer der Sympathieträger der Tetralogie gewesen, so auch in der Wiesbadener Produktion. Seine Rolle im Rheingold ist jedoch bekanntermaßen überschaubar klein.

Nibelheim als Büro und Predigtkanzel: Ganz neu ist das alles nicht (muss es ja aber auch nicht sein), zum Glück hilft die moderne Computer- und Projektionstechnik. Wie Alberich sich in eine Kröte verwandelt wird als Morphing auf eine Leinwand projiziert und sorgt beim Publikum für spürbares Erstaunen und Amüsement. Zuvor jedoch einer der denkwürdigsten Momente von Laufenbergs Inszenierung: Bei der Verwandlung in den Riesenwurm sieht man auf besagter Projektionsfläche zunächst achterbahnartige Fahrten durch einen engen Hals oder Rachen, schließlich einen Schlangenkopf, welcher für Sekundenbruchteil von dem deutlich erkennbaren Foto von US-Präsident Donald Trump unterbrochen wird. Das ist schon starker Tobak: Trump als Drachen. Um es mit Wotans Worten zu sagen: „Wie wuchs so rasch zum riesigen Wurm der Zwerg!“ Trump ist also ein Emporkömmling wie Alberich. Ich teile meine Abneigung gegen Trump und meine Verwunderung über seine Wähler mit vielen anderen, dennoch ist mir das ein wenig zu plump, zumal es die einzige konkrete Bezugnahme auf die Gegenwart ist. Vielleicht ist es doch besser, das „Monster“ Trump auf der sachlichen und faktischen (nicht post-faktischen) Ebene zu stellen. Man stelle sich vor, ein Opernhaus in Athen hätte bei aufbrandenden Differenz zum Thema Zukunft des Euro / Schuldenerlass ein Foto von Angela Merkel an gleicher Stelle eingeblendet… Ein Shitstorm der Springerpresse wäre da das Mindeste. So ist die Frage, ob in Amerika überhaupt jemand Notiz davon nimmt, stehen doch Trump-Wähler eher im Verdacht, ein Opernhaus nicht allzuoft von innen zu sehen. Aber jetzt schlage ich ja schon in die gleich sarkastische Kerbe (und tue es gerne!).

Die Szene verwandelt sich zurück in das provisorische Baustellenwohnzimmer. Freia wird ausgelöst, in dem sie mit dem Gold geradezu bekleidet wird. Erwähnenswert scheint mir noch, dass sie nach ihrer Erlösung nicht von Fasolt lassen möchte: Ist das das Stockholm-Syndrom? Hat sie sich wirklich in ihren (ersten?) Liebhaber verliebt? Oder in ihren Vergewaltiger? Das Libretto gibt ja eindeutig her, dass sich Fasolt mehr aus Freia gemacht hätte als Fafner, der sich recht früh an die Idee einer Ausbezahlung gewöhnen kann. Eine Liebe auf Gegenseitigkeit scheint überraschend, jedoch nicht abwegig. Ein Leben an Seite eines handwerklich geschickten Riesen mag zumindest Abwechslung verheißen im Gegensatz zu ewiger Gärtnertätigkeit für jugenderhaltende Äpfel.

Urmutter Erda kommt recht unspektakulär auf die Bühne gelaufen: In Wiesbaden schwebt sie nicht herein, fährt nicht aus dem Untergrund herauf. Mit klarem und vollem Alt, jede Silbe ihres langsamen Tempos genüsslich zerkauend warnt Bernadett Fodor Wotan vor den Folgen von Alberichs Fluch.

Vor dem immer wieder ergreifenden Des-Dur-Finale darf Loge noch mit einem Dreibeinstativ ein Erinnerungsfoto von diesem für Famile Woatn historischen Moment aufnehmen, was mich ein wenig an Katharina Wagners unterirdische Meistersinger-Inszenierung aus Bayreuth (konkret das Quintett vor der Festwiesenszene) erinnert.

Fazit: Die Aufführung macht große Lust auf die restlichen Teile des Rings! Szenisch bekommt man ein stimmiges Konzept, welches ich mir lediglich vom Timing her manchmal näher an der Musik gewünscht hätte, musikalisch ein sehr ausgewogenes Verhältnis aus Graben und Bühne mit einer Tempowahl die größtenteils genau meinen eigenen musikalischen Ansichten (und ich weiß: So etwas ist immer subjektiv) entspricht. Thomas Blondelle als Loge verdient nochmals eine besondere Erwähnung!

Abschließend noch der Disclaimer: Ich bin Musiker und kein Autor oder Journalist. Ich neige unter Umständen dazu, negative Eindrücke eher hervorzuheben als positive, die an diesem Abend eindeutig überwiegen. Dieser Text soll einen Eindruck meiner Gedanken direkt nach Besuch der Aufführung wiedergeben. Einerseits setze ich daher die Kenntnis des Stückes voraus, andererseits versuche ich jedoch unterhaltend zu schreiben, so dass vielleicht auch jemand schmunzeln muss, der Wagner gar nicht kennt. Außerdem: Ich habe Respekt vor allen meinen Musikerkollegen, die an diesem Abend mit Sicherheit ihr bestes gegeben haben. Ich bewerte, was ich gesehen und gehört habe, ohne zu wissen, ob einer der Sänger womöglich erkrankt war oder anderweitig indisponiert. Wenn einzelne eher schlecht wegkommen (Thomas Hall), so meine ich dies keinesfalls persönlich und würde mir auch nie anmaßen, dass meine Meinung der Weisheit letzter Schluss ist. Dass der ursprünglich geplante Wotan Gerd Grochowski unerwartet verstarb versuchte ich für meinen Opernabend (und meine Kritik) soweit es geht auszublenden, wenngleich so ein tragischer Verlust nach wochenlanger gemeinsamer Probenarbeit ja am Ensemble kaum spurlos vorbeigegangen sein dürfte.

In diesem Sinne: Bis morgen Abend – dann wird die Walküre gegeben!

P.S.: Aus urheberrechtlichen Gründen habe ich mich dagegen entschieden, Fotos zu bloggen, welche ich ohnehin nur vor und nach der Aufführung (beim Applaus) gemacht habe. Der kundige Google-Benutzer wird Bildmaterial auffinden können.