Siegfried (29.4.2017 Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

Siegfried (29.4.2017 Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

Wie schon vermutet liegt die Rolle des Siegfried Andreas Schager (noch) mehr als Siegmund, spielt und singt er den furchtlosen und ungestümen Helden doch mit beeindruckendem Kraftaufwand und perfekter Dosierung seiner scheinbar unerschöpflichen tenoralen Ressourcen. Jede Nothung-Strophe steigert die vorangehende noch einmal, erneut fragt sich der Zuhörer: Läuft er jetzt nicht schon auf der Felge? Aber da kommen doch noch 3 Stunden Musik?! – und Schager packt einfach noch einen drauf. Nicht minder formidabel ist Matthäus Schmidlechners Darstellung des Mime, denn wie schon im Rheingold gibt er den bemitleidenswerten kleinen Wicht mit Lust an der sängerischen Übertreibung, er keifert sich teilweise regelrecht durch die eigene Ausweglosigkeit. Komplettiert wird das Trio des Ersten Aktes durch den dritten Wotan, bzw. Wanderer der laufenden Gesamtproduktion: Jukka Rasilainen. Der wachsenden Machtlosigkeit Wotans entsprechend wirkt er wie ein Oberstudienrat für Geschichte und kath. Religion (oder ist es doch Philosophie und Ethik?) und man rechnet jederzeit damit, dass er beginnt, sich eine Pfeife zu stopfen. Dies soll seine stimmliche Kompetenz jedoch nicht kleinreden: Sein heller Bariton klingt etwas schärfer als Silins’ in der Walküre, deutlich dominanter als Hall im Rheingold und jederzeit text- und intonationssicher. Schager hat bei aller stimmlicher Vortrefflichkeit jedoch öfters Probleme mit dem Text und überhastet seinen Hahahahahaha-Auftritt deutlich – bei einem Fußballer würde man womöglich von Übermotivation sprechen.

Die Schmiedehütte Mimes von Bühnenbildner Gisbert Jäkel ist (per Projektion angedeutet) eine Slumbaracke mit einer billigen EInbauküche, in der der vergessene Kühschrank als Fremdkörper auf der Arbeitsplatte steht. Kurzum: Es fehlt nur der Hartz-4-Schein im Bilderrahmen an der Wand. Als Siegfried nach hause kommt baut er sich umstandslos das erste Dosenbier des Tages ein. Sein mitgebrachter Bär ist in Laufenbergs Inszenierung ein Lack- und Leder-Polizist, der aussieht wie ein Mitglied einer drittklassigen Village-People-Tribute-Band. Lebt Siegfried (mangels persönlicher Bekanntschaft mit Frauen) seine Sexualität also doch schon aus, auf „andere“ Art? „Lauf Brauner, dich brauch ich nicht mehr“ wird ja spätestens am Ende der Oper wohl tatsächlich gelten. Die Beziehung zwischen Mime und Siegfried wird als typische Pubertätsproblematik inszeniert: Mime will Siegfried mit wenig altergerechtem Kleinkinderspielzeug und Kuscheltieren beruhigen, dieser hingegen setzt sich Kopfhörer auf und trommelt ein virtuoses Air-Drum-Solo, während Mime von Klein-Siegfried als „zullendem Kind“ erzählt – in Allem demonstriert er jedenfalls großes Desinteresse Mime betreffend und äfft dessen Worte synchron nach. Als Mime von Siegfrieds verstorbener Mutter berichtet wird diese anrührend durch ein Kleid symbolisiert, welches Siegfried auch im zweiten Aufzug noch parat hat. Die Wissenswette mit dem Wanderer wird von großformatiger Videoinstallation illustriert: Die Nibelungen entsprechen Bergarbeitern, die Riesen dem Mittelstand der Gesellschaft (Hochhäuser, Hafengebiete, Wirtschaftszweige, etc. sind zu ziehen) und die Götter entsprechen den Reichen, Schönen und Mächtigen (Bilder von Schauspielern, Modells, Poltikern wie Trump, Putin und Angela Merkel-Raute), abgeschlossen mit unterdrückten Demonstranten und einer (punktgenau zum Beckenschlag) detonierenden Atombombe. Deutliche Kapitalismuskritik geht immer. Siegfrieds frisch zusammengesetztes Schwert Nothung schließlich hat sogar Zauberkräfte: Es kann den Amboss nur durch einen entfernten zauberstockartigen Deut teilen und später Mime ebenso auf Fingerzeig (bzw. Schwertzeig) töten. Der Abschluss des Ersten Akts wird musikalisch wiederum von Andreas Schagers Tenor dominiert. Die letzte Zeile des Aktes „So schneidet Siiiiiegfrieds Schwert“ versieht er mit einer sagenhaften Fermate, die das Wort „Siegfried“ quasi zu einem dritten „Wälse“-Ruf werden lässt. Ohrenbetäubender Applaus für den ohnehin beim Publikum immer beliebten ersten Siegfried-Aufzug ist die Folge.

Neidhöhle wird als Fort-Knox-artige Bankzentrale dargestellt, mit automatischem Schiebezaun, Videoüberwachung, Gegensprechanlage zu Fafner persönlich und Alarmanlage. Alberich (souverän wie im Rheingold: Thomas de Vries) rüttelt gewaltsam und verzweifelt am Zaun, was etwas lächerlich wirkt, da man ahnt, dass er – hätte er tatsächlich kräftig gerüttelt – die ganze Bühnenbildkonstruktion zum Einsturz gebracht hätte. Außerdem wäre der leiterartige Zaun bequem zu Fuß zu überwinden; so bleibt er bei allem oberflächlichen Realismus nicht mehr als ein Symbol. Fafners Stimme aus dem Off wird über die hoch hängenden Lautsprecher mit synthetischem Hall übermäßig laut übertragen, was für einen wohligen Schauer sorgt. Stimmlich überzeugt mich Young Doo Park eher weniger, kann ich es doch nicht leiden wenn bei den Fafner-Tritoni das einzige Ziel in einer möglichst dunklen und schweren Vokalfärbung zu liegen scheint. Bei Park kommen leider große Probleme mit der Unterscheidung zwischen dem deutschen „ch“ und „sch“ dazu. Ich muss allerdings dazusagen, dass der bislang einzig überzeugende Fafner für mich ein Bass vom Kaliber Kurt Molls ist. Als Siegfried die Bühne betritt hat er sein IPad (bzw. eine auch schon aus dem ersten Aufzug bekannte iPad-artige transparente Glasplatte dabei) und startet von dieser seine Hornrufe als Playback, nach dem sein live gespielten Versuche auf dem Rohr scheitern. Diese Rohr-Stelle wurde übrigens für meinen Geschmack fast zu sauber geblasen: Ich mag es wenn die Stelle so richtig daneben geht, wie es ja eigentlich von Wagner vorgesehen ist. Das IPad gerät außer Kontrolle und lässt sich nicht mehr abschalten als die Hornsequenzen beginnen, sich zu widerholen und abzuspalten: Ein sehr überzeugender, origineller und humorvoller Einfall! Leider hat der Orchesterhornist gegen Ende seines mörderischen Solos dann doch einige technische Probleme, trotz gut hörbarer Übephase vor der Aufführung und in der Aktpause. Der aufgeweckte Fafner erscheint per Projektion als Computerspielfigur und wird von Siegfried per Tablet besiegt, was mit einem aufleuchtenden großformatigen „VICTORY!“ bestätigt wird. Eine Tür öffnet sich und der Banker Fafner, jetzt als Person sichtbar, bricht an seinem Bürotisch zusammen. Sofort erscheinen seine Kollegen (Statisten) und Reporter, die Siegfried und das hervorragende Waldvögelein (Stella An) ihre nächsten Sätze in ein vorgehaltenes Mikro singen lassen. Auch Security ist sofort zur Stelle, um das nun offene Bankgebäude adäquat zu schützen. Siegfried tötet noch Mime wie oben beschrieben per Schwert-Zaubergeste und folgt dem Vogel Richtung Felsen, der Hort bleibt geschützt in der Bank. Vor dem Finale des Zweiten Akts wird an Stelle der Libretto-Übertitel eingeblendet „Hier ruhte das Werk 12 Jahre“, samt übermäßig langer Generalpause. (Hintergrund: Wagner komponierte hier zunächst „Die Meistersinger von Nürnberg“ und “Tristan und Isolde“ als vermeintlich einfache und schnelle Gelegenheitswerke für schnelles Geld, was bei seinem Anspruch natürlich dennoch in aufwändigen Meisterwerken gipfelte…) Dass dieser entstehungshistorische Umstand Teil einer Aufführung wird habe ich bislang auch noch nicht erlebt.

Der Dritte Akt spielt wie erwartet wieder in der Reithalle vom Ende der „Walküre“, allerdings liegt nun viel Müll und vor allem Asche herum – obwohl es momentan gar nicht zu brennen scheint. Auch die hohle Frauenstatue, (= Brünnhildes Schlafklappe), ist schon da. Die Erda-Szene bietet wenig ungewohntes: Erda (Bernadett Fodor wie im Rheingold mit supersamtigseidenen Alt) wird von einigen Schleppenträgerinnen begleitet und tritt eher profan auf, ohne Untergrundhebebühne oder vergleichbarem. Siegfried und Wotanwanderer trinken erstmal ein gemeinsames Bier, ehe sie sich in die Haare bekommen. Wotan zerbricht den eigenen Speer schließlich mehr selbst durch sein geriatrisches Darauf-abstützen als durch Kampfhandlung. Nun lodern die Flammen auf und gleichzeitig huscht Evelyn Herlitzius, die Darstellerin der Brünnhilde schnell, aber gut sichtbar in ihr Statuen-Schlafgemach – wahrscheinlich weigerte sich die Sängerin, die ersten 30-40 Minuten in der klaustrophobisch dunklen Enge zu verbringen? Auch der Schluss ist wenig originell – aber wie soll man das auch inszenieren? Die Hanndlung steht still, die Zeit steht still und dennoch dauert es noch eine gute halbe Stunde. Das soll nicht heißen, dass ich die Musik hier nicht lieben würde oder irgendetwas davon missen möchte, sonder nur, dass ich noch nie eine Inszenierung gesehen habe, die mehr bietet als den Wechsel zwischen Rampensingen, Annähern und Abwehren und schlussendlichem Zusammenfinden der Protagonisten. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass Siegfried und Brünnhilde (Evelyn Herlitzius singt nun deutlich energischer als in der Walküre, an wenigen Stellen vielleicht minimal über das Ziel hinausschießend) Brünnhildes Schlafgemachstatue am Ende des Aktes gleich komplett zerstören, statt sie nur aufgeklappt zu lassen. Siegfried, der die Brüste der Frauenstatue vor Erwachen Brünnhildes schon einmal interessiert betatschen durfte wird den Verlust der Statue nunmehr verschmerzen können: Leuchtende Liebe hat er nun, der lachende Tod muss bis übermorgen warten, denn dann wird die „Götterdämmerung“ (Arbeitstitel „Siegfrieds Tod“) gegeben.

Der Applaus am heutigen Opernabend war überdurchschnittlich: Noch mehrfach mussten die Akteure vor den Vorhang treten, auch nachdem das Saallicht schon lange angeschaltet war. Beeindruckend war vor allem der Siegfried Andreas Schagers. Aber auch die Inszenierung wirkte auf mich an diesem Abend bislang am rundesten, mit schönen Ideen und einigen originellen Detaillösungen. Nicht umsonst wurde auch Regisseur Uwe Eric Laufenberg von den Sängern noch widerwillig, aber verdientermaßen auf die Bühne gezerrt.