South Pole (18.6.2017, Staatstheater Darmstadt)

South Pole (18.6.2017, Staatstheater Darmstadt)

Miroslav Srnka [nein, im Nachnamen fehlt kein Vokal!] ist ein 1975 geborener Komponist, von dem ich noch nicht gehört hatte, bis die Uraufführung seiner Oper „South Pole“ in München letztes Jahr mit einer Starbesetzung hohe Wellen schlug. Als das Werk nun in einer instrumental leicht reduzierten Fassung auf dem Darmstädter Spielplan auftauchte wurde das Darmstädter Event folglich zum Pflichttermin für den geneigten Fan zeitgenössischen Musiktheaters.

Srnkas Musik in „South Pole“ ist einer Mikropolyphonie im Sinne Ligetis verhaftet, dabei aber klangsinnlicher und lautmalerischer. Werk und Inszenierung strotzen nur so vor genialen Einfällen und bei aller Kunstfertigkeit bleibt die Sache dabei auch noch höchst unterhaltsam. Auf der Bühne versuchen das britische und das norwegische Expeditionsteam nach historisch exakt recherchiertem Vorbild gleichzeitig, den Südpol als erste zu betreten. Obwohl sie in der Realität nicht wussten, was das jeweils andere Team gerade tut erlebt man auf der Bühne immer beide Teams simultan: Während die Briten Fußballspielen gehen die Norweger saunieren, während Robert Falcon Scott (der Captain der Briten, gesungen von Michael Pegher) seiner Mutter einen Brief schreibt tut der Norwegische Anführer Roald Amundsen (gesungen von David Pichlmaier, der schon letzten Donnerstag im „Tannhäuser“ eine Sternstunde hatte) dasselbe. Als Zuschauer verfolgt man gleichzeitig die wahnwitzige Instrumentierung des Orchesters, welches beinahe permanent arktische Schneesturmwindgeräusche imitiert, die schauspielerischen Aktionen der beiden fünfköpfigen Expeditionsteams und die beiden Übertitel der deutschen Übersetzung(en) des auf englisch gesungen Textes. Klar, dass man da manchmal auf der Strecke bleibt, dennoch folgt man der Entwicklung gebannt. Teilweise widersprechen sich die Ansätze der beiden Seiten (sinngemäß wird beispielsweise auf beiden gleichzeitig gesungen „Nehmt so viel mit an Land wie ihr tragen könnt!“ und „Lasst so viel wie möglich an Bord; nehmt nur das nötigste mit!“) teilweise treffen sich die beiden Seiten aber auch in Kommentaren über die Trostlosigkeit des ewigen Eises – und gerade in diesen Passagen verschmelzen die Stimmen die gegnerischen Parteien zu echten Duetten und Ensembegesängen von großem musikalischem Reiz. Als Lasttiere werden auf der einen Seite Schlittenhunde, auf der anderen Ponys verwendet, musikalisch dargestellt durch Klarinetten und Hörner in entsprechender Anzahl, welche vom Zuschauerbalkon gespielt werden. Beide Seiten werden jedoch ihre erschöpften Tiere erschießen müssen, was musikalisch mit dem Verstummen der jeweiligen Instrumente illustriert wird. Eindrucksvoll ist der durchsichtige schleierartige Vorhang vor der Szene, auf den die Tiere projiziert werden. Beim Erschießen explodieren sie in ebenfalls projizierte transparente Blutkleckse und das Orchester schwenkt abrupt in einen tinnitusartigen Pfeifakkord um, als wären einem die Ohren zugefahren: Ein phantastischer Effekt! Überhaupt zeigt sich auch die Regie von Karsten Weigand quasi fehlerlos: Alles wirkt stimmig, nachvollziehbar, gut illustriert – man meint, dass auch im Publikum die Kälte der Antarktis zu spüren ist; oder wurde etwa mit einer stark eingestellten Klimaanlage gar nachgeholfen? Der transparente Vorhang leistet gute Dienste für Videoprojektionen, die klassische Drehbühne dient zum endlos beschwerlichen Langlauf-Skisport, wobei kurze Abfahrtpassagen in Hockhaltung durch einen beschleunigt projizierten Schneeuntergrund sehr realistisch rüberkommen.

Doch die Oper ist keine reine Männerveranstaltung: Es gibt auch die beiden Gemahlinnen der Expeditionsleiter, welche aus der Heimat per Traum, Gedanke und Brief vom Bühnenrand mitkommunzieren, dargestellt von Katrin Gerstenberger (der Venus vom letzten Donnerstag) und Aki Hashimoto (die inadäquat ersetzte Hirtin vom Donnerstag). Erstere besticht durch großes Stimmvolumen, letztere durch federnd leichte Kolloraturspitzentöne. Obwohl ich deutlich auf der Seite Hashimotos sitze sind Gerstenberger sie lautstärkenmäßig an die Wand, was aber auch gewollt sein kann, oder schlicht an den unterschiedlichen Stimmfächern liegen mag. In jedem Fall bieten die Frauenszenen einen musikalischen Kontrast und wirken wie eine kurze Episode zum Luftholen, bzw. Aufwärmen.

Wenn zum Schluss die Expeditionsteilnehmer den Zuschauerraum erklimmen und auf den Sitzflächen über die Parkettlehnen kraxeln erklärt sich auch, warum so viele Zuschauerplätze unbesetzt blieben: Wahrscheinlich waren diese gar nicht im Verkauf, um eine solche singende Expedition in den Zuschauerraum überhaupt zu ermöglichen. Das vollständige Einbeziehen von Parkett und Balkon erinnert an die Wiesbadener Produktion von Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“, welche in ihren Simultanszenen ein mögliches Vorbild für die permanente und genial umgesetzte Dualität der Forschungsteams in Srnkas „Doppeloper“ [Bezeichnung im Untertitel] ist.

Bei einem so riesig besetzten und komplex polyphonen Orchester ist aber die Hauptperson des Abends womöglich Dirigent Johannes Harneit. Wie in zeitgenössischer Musik von Srnkas Vielschichtigkeit die musikalischen Fäden in der Hand zu halten sind ist große Kunst und nicht minder großes Handwerk. Es gibt viele Stellen in „South Pole“, die ein rhythmisch präzises Musizieren voraussetzen, wo ein Akkord durch verschiedene Orchester- und Sängergruppen gereicht wird, etc. All das bewältigt das Staatsorchester Darmstadt und die famosen Sängerquintette mit Bravour.

Miroslav Srnka ist definitiv ein Komponist, den ich weiter verfolgen werde. Der Opernabend in Darmstadt war ein Ausnahmeereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte und dessen frostkaltes Echo man lange Zeit mit sich herumträgt.